Marathon-Vollzug

Sonntag. 05.05.2019. 08.20 Uhr. Lauftag.

Keine ungewöhnliche Uhrzeit, aber dennoch ein unvertrautes Gefühl, als sich hinter den nächsten 15 Männern und Frauen die Stahltür schließt. Danach Taschen abstellen und erst mal alle restlichen Utensilien aus den Hosentaschen auf einen Tisch legen, um direkt im Anschluß einen Metalldetektor zu passieren. Uff, geschafft, kein Alarmton. Aber das Gefühl bleibt.

Im nächsten Schritt gibt man alles von sich preis und vor allen Dingen, man gibt alles „unnötige“ ab. Denn beim Lauf braucht man nichts, was nichts mit dem Laufsport zu tun hat. Bevor die Sporttasche noch durch einen Scanner geschickt wird, hat man vorher schnell die Möglichkeit, mit seinen letzten Euros in der Hand, ein Sparschwein für einen guten Zweck zu füttern. Auch nach dieser Überprüfung kein Alarm, es kann weiter gehen.

Einen Raum weiter stehen 15 Stühle großzügig im Kreis. „Bitte setzen, Arme auf die Oberschenkel und Handflächen nach oben“, so die Aufforderung, welcher auch jeder nachgekommen ist. Nun kam der große Auftritt, denn es wurde nochmals jeder Einzelne inklusive den Sporttaschen gefilzt. Glücklicherweise gab es auch hier keine Auffälligkeiten und wir wurden allesamt entlassen. Nicht im eigentlichen Sinn, denn nach einer weiteren Tür befanden wir uns im Innenhof des Fritz-Bauer-Haus. Hier war nicht mein ehemaliger Arbeitskollege Namenspate, benannt wurde es nach dem einstigen hessischen Generalstaatsanwalt. Es handelt sich hierbei um die JVA Darmstadt-Eberstadt, welche in diesem Jahr ihr 50jähriges feiert.

Ab diesem Zeitpunkt war es also ernüchternd, ich war wirklich im Knast. Der 13. Darmstädter Knastmarathon, insgesamt 24 Runden durch den Innenhof, stand auf meinem Plan. Aber ich sag es jetzt schon vorab, man merkte davon nicht viel. Es war teils besser organisiert als so mancher Lauf draußen. Die Abholung der Unterlagen, Hilfestellungen von Inhaftierten und Angestellten waren superfreundlich und man kam immer mit jemand ins Gespräch. Die eigentliche Thematik, also Gründe für den Aufenthalt, stellte sich mir zu keiner Zeit und das machte es mir umso leichter.

Neben den vielen externen Läufern nehmen am Knastmarathon auch Insassen teil, welche seit Monaten auf dieses Event hintrainiert haben. Es gab extra gestaltete Trainingspläne und bei vielen wird dieser Erfolg sich bestimmt positiv auswirken.

Schön, dass auch bekannte Gesichter vor Ort waren und so kamen meine Begleitung und ich unter anderem mit Sabine, Jörg und Hanns ins Gespräch. Mit letzterem wollte ich auch die ersten Runden gemeinsam laufen, vorgesehen war ein „gemütlicher“ 5:30er Schnitt, denn die Woche vor dem Marathon war ich leider etwas angeschlagen.

Nach einer kleinen Warm-up-Runde wurde pünktlich um 10:00 Uhr das Startsignal mit einer Fahne gegeben, denn Startschüsse im Gefängnis sind so eine Sache. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dieter Bremer, der die Läufer und Besucher über die komplette Zeit sehr gekonnt durch die 42,2 Kilometer führte.

Die guten Vorsätze mit der Laufzeit hatte Hanns aber schon nach dem ersten Kilometer über Bord geworfen und wir starteten mit einer Zeit unter 5:00. Das führte aber dazu, dass er sich nach ein paar Kilometern zurückfallen lassen musste. Ich wollte jedoch so gut wie möglich das Tempo beibehalten und erst im zweiten Teil etwas zurückschalten. Dies gelang mir auch relativ gut. Da es sich um einen Kurs handelt, der grösstenteils immer im Begegnungsverkehr gelaufen wird, konnte man aber immer bekannte Gesichter sehen und sich gegenseitig motivieren. Zwangsläufig kam es zum Überrunden meiner Mitläufer, aber auch selbst wurde man „einkassiert“.

Beklatscht und angefeuert wurden alle Teilnehmer über die komplette Laufzeit. Sei es von den Besuchern, Wärtern, den helfenden Häftlinge an der Verpflegung oder auch den zahlreichen Hofgängern. Selbst die Insassen im abgesperrten Bereich fanden Gefallen an der Veranstaltung und unterstützten zumeist die weiblichen Starter.

Nach 3:45:28 kam ich letztendlich ins Ziel. Dies bedeutet den 2. Platz in der Altersklasse, mittlerweile AK 40. Gesamt reichte es zu Platz 22.

Knast1
Hat bestimmt nicht jeder

Knast3

Ausgesprochen erfreulich war dann aber, dass sie mich tatsächlich wieder rausgelassen haben. Auch wenn sich einige meiner Bekannten und Freunde das bestimmt anders gewünscht haben 😉

Knast2
Nach dem Event

Alles in allem eine schöne Veranstaltung direkt vor der Haustür, an welcher ich bestimmt wieder einmal teilnehmen werde.

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